Oxydation Ingrid Sperrle - Texte

Thema

Dr. Theodor Pindl

Die Bildwelten von Ingrid Sperrle

"Dinge sind Vorkommnisse, Zustände sind Prozesse, Vorgänge sind Übergänge", was Bertold Brecht seinen chinesischen Weisheitslehrer Meti in den Mund legt, realisiert sich in den Bildwelten Ingrid Sperrles. Denn ihre Bilder sind einer Dynamik verpflichtet, für die Prozesse und Übergänge wesentlich sind. Dies beginnt bei der Idee, verschiedene Stoffe miteinander reagieren zu lassen.

Wochenlang, oft monatelang läßt die Künstlerin in den Katakomben ihres Ateliers zugeschnittene Eisenplatten liegen, auf die sie Stoff, Leinwand oder Folie breitet. Immer wieder muß sie nachwässern, ungewiss, wie das Ergebnis sein wird. Eine Entdeckung der Langsamkeit eigener Art.
Dann ist der Moment da, die Künstlerin ist zufrieden mit dem Abbild, das ihr das Zusammenspiel von Wasser, Luft und Eisen, Zeit und Temperatur geliefert hat. Denn je nach Temperatur verändert Rost seine Farbe, erzeugt einen helleren oder tieferen Rot- bzw. Braunton. Die Natur vollführt ihr Werk, und die Künstlerin setzt die Grenze, definiert, wann es soweit ist. Dann nämlich, wenn sie den Stoff von der Eisenplatte löst.

Wie jegliches Material, mit dem Ingrid Sperrle experimentiert, erfährt auch das Papier Verwandlung und Verfremdung mit dem Ziel der Formfindung, der Komposition, des Ausdrucks. Die organisch gewachsenen Bildflächen vermitteln allerdings unweigerlich den Eindruck der Autopoesie des Bildes, der auch die Künstlerin unterworfen zu sein scheint.

Streng im Detail der Bildschöpfung, verfährt Ingrid Sperrle im Prozess ihrer Arbeit doch spielerisch und experimentell. Und obwohl überall Transformation und Metamorphose spürbar werden, gibt es nirgends Verschwommenheit. Unterscheidung und Verbindung gehören im Konzept der Künstlerin zusammen. Eine dynamische Kunstauffassung, mit der sie - in anderer Weise - auch in ihren ornamentalen Farbarbeiten arbeitet, bei denen die gezielt eingesetzten Wahrnehmungsirritationen zwischen verschiedenen Bildebenen hin- und heroszillieren.

Kunst ist Bewegung, ein Übergang vom wahrnehmenden Betrachter zum wahrgenommenen Objekt und umgekehrt. Ingrid Sperrle macht immer wieder darauf aufmerksam, dass ihre Bildwelten die Weltbilder der Betrachtenden in Bewegung versetzen, die Wahrnehmungsgewohnheiten aufschließen für ein Material, das eher negative Assoziationen hervorruft, für eine Schönheit jenseits einer idealisierten Ästhetik. Der Rost als Metapher, als widerständiges Anti-Programm zum schönen Schein sterilen Glanzes.

In der plastisch erscheinenden Oberflächenstruktur zeigt sich etwas Archaisches, Elementares - vor allem das Element des Feuers scheint in seinen Bewegungen eingefangen zu sein - gleichermaßen faszinierend wie erschreckend und rätselhaft. Nietzsche sagte, es gebe keine wahrhaft schöne Fläche ohne eine schreckliche Tiefe. Die beinahe räumliche Präsenz der Formen wird noch dadurch gesteigert, indem die Künstlerin eigene farbliche Elemente einbaut. Gleichzeitig erreicht sie dadurch die Untiefen jenseits des Raums, der immer gefährdet scheint, geheimnisvoll und letztlich fremdartig wie der Prozess des Werdens selbst. In Ingrid Sperrles Bildern vollzieht sich die Konfrontation der beherrschten Ordnung des Kalküls mit dem rhizomartigen Geflecht unbeherrschbarer Kräfte. Schon in der Arbeitstechnik treffen beide Pole, die klare Form und die subversive Negation, unvermeidbar aufeinander. Ingrid Sperrles Bilder repräsentieren den ambivalenten Prozess des Widerstreits, der ihnen innewohnt. Sie erzählen von der Illusion strukturgebender Formen, die sich mit fast konstruktivistisch-rationaler Kontur erheben, um sich im nächsten Moment in der Textur des Chaos zu verlieren.

Ingrid Sperrle

Allem Anfang wohnt ein Ende inne ...

Während wir uns auf dieser Erde unser Leben einrichten, vergessen wir zumeist, oder wollen es auch gar nicht wissen, dass alles einem ständigen Veränderungsprozess unterliegt. Dieser Zerfallsprozess zeigt sich im Rost besonders gut. Des­halb ist er auch seit vielen Jahren mein kreatives Ausdrucks- und Arbeitsmittel.

Zyklus

Hier lässt sich sehr anschaulich eine permanente Veränderung aufzeigen, welche auf eindrucksvolle Weise sichtbar macht, dass im Zerfall etwas anderes entsteht, etwas neues und sehenswertes, wenn wir uns darauf einlassen können. Wenn wir bereit sind die Schönheit jenseits einer Hochglanzmagazinwelt zuzulassen, können sich neue erfüllende An­sich­ten einstellen.

Allem Anfang wohnt ein Ende inne ... aber wo ist der Anfang, wo das Ende? Wann und zu welchem Zeitpunkt des Seins erreicht dieses seine schicksalhafte Erfüllung? Im Keimen, im Blühen, im Samen oder im Humus, zu dem alles wird, um von neuem zu beginnen. Letztendlich ist alles dem stetigen Wandel und dem Kreislauf der ewigen Wiederkehr und des Vergehens unterworfen.

copyright © Ingrid Sperrle